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Auch in der Kälte wächst der Turm (Neckarquelle vom 3.02.2010)
3.02.2010
Gaaaanz oben zieht es – und es ist kalt. Doch die Männer arbeiten unverdrossen weiter. Stillstand kann sich Schwenningens höchste Baustelle nicht leisten. Am 12. Mai eröffnet die Gartenschau,bis dahin sollen alle zwölf Stockwerke stehen. Gerade ist die sechste Etage dran: Halbzeit.
BERTHOLD MERKLE
Schwenningen. Alle zwei Wochen stellen die Bauarbeiter ein neues Geschoss fertig, erzählt Architekt Thomas Bürk, der hier für das Projekt seines Onkels Gunter Bürk die Bauaufsicht leitet. „Wir haben einen sportlichen Zeitplan“, meint WBG-Geschäftsführer Andreas Veit. Soll heißen: Verzögerungen sind nicht drin, es gibt keinen Zeitpuffer. Dass es vorangeht, ist dem beherzten Einsatz der Männer zu verdanken. Bei Temperaturen von unter Null Grad schleppen sie Schalbretter, flechten Baustahlmatten zusammen und spannen Stützstempel zwischen Decke und Boden. Getreu dem Motto „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung“ sind die Bauarbeiter dick eingepackt: Lange Unterhosen, Holzfällerhemd, Wollpullover, winddichte gefütterte Jacke und eine Kapuze unterm Bauhelm. Das muss reichen, mehr geht nicht – schließlich sollen sich die Leute noch bewegen können. „Beim Arbeiten wird es uns schon warm“, meint einer aus der Kolonne und bückt sich nach dem nächsten Stempel. Gerade wird die Schalung für die sechste Etage zusammengefügt. Noch in dieser Woche soll betoniert werden. Die Vorarbeiten dazu nehmen die meiste Zeit in Anspruch. Denn hier ist viel Handarbeit gefragt. Der Kran bringt das Schalmaterial herauf, dann müssen die Bauarbeiter die Teile zusammenschrauben. Da hilft kaum Maschinenkraft. Wenn das Gerüst für eine neue Etage steht, geht es schnell. „Zum Betonieren brauchen wir nur vier bis fünf Stunden“, sagt Bauleiter Manfred Kraus von der Firma Dechant. Auch bei Frost wird betoniert. Bei Temperaturen bis minus fünf Grad ist dies recht problemlos mit vorgewärmtem Material möglich. Spezielle Zusatzstoffe verhindern auch, dass der Beton einfriert. Am Krangerüst hängen zwei große schwarze Vliesmatten, damit wird bei großer Kälte die Etage abgedeckt, auf der gerade gearbeitet wird und darunter sorgen starke Heizungsgebläse für Wärme. Das nötige Gas dafür wird über Leitungen nach oben befördert. „Das ist einfacher, als die schweren Gasflaschen hoch zu transportieren“, sagt der Bauleiter. Mit diesen Maßnahmen läuft der Bau bei den derzeitigen Wetterverhältnissen reibungslos weiter. Aufwendiger wird die Arbeit, wenn das Thermometer Richtung zehn Grad minus sinkt. Dann müssten zusätzlich auch die Verschalungen beheizt werden. Das kostet viel mehr Geld. Je kälter es wird, desto mehr Vorkehrungen müssen getroffen werden. „Wir machen nur das, was noch wirtschaftlich vertretbar ist“, schildert Wohnungsbauchef Andreas Veit die kaufmännische Seite des Projekts. Um bei noch tieferen Temperaturen weiter arbeiten zu können, wäre der technische Aufwand zu hoch. Dann würde man den Bau eben ein paar Tage einstellen. Bisher ist dies nicht vorgekommen. Der Arbeitsablauf folgt einem klaren Schema. Erst wird der sogenannte Kern gebaut. Eine Betonkonstruktion für das Treppenhaus, die Aufzugsschächte und die Versorgungsleitungen. Der Kern wächst also schneller, als das übrige Bauwerk und ist immer ein Stockwerk voraus. Um diesen inneren Bereich herum werden die Böden der Etagen betoniert. Wände gibt es noch keine, nur Säulen tragen die Konstruktion. Und diese Streben sind recht einzigartig. Auch Edgar Endres, der erfahrene Prokurist von Dechant, kann sich nicht erinnern, jemals so ein Haus gebaut zu haben. Die Säulen streben nicht senkrecht nach oben, sondern in einer leichten Schräge. Am oberen Schlusspunkt des Gebäudes treffen sich immer zwei Streben in einem spitzen Winkel. Dies gibt dem Neckartower seine unverwechselbare Struktur. Für die Betonbauer bedeutet dies eine große Herausforderung. Denn mit genormten Schalungen kommen sie hier nicht weiter. In Einzelanfertigungen werden die Formen für die Säulen auf der Baustelle gemacht. „Das ist schon Kunst“, lobt Architekt Thomas Bürk die Bauarbeiter. Auch die Statik ist ziemlich anspruchsvoll. Nach jedem Stockwerk kommen die Ingenieure und vermessen alles haargenau mit dem Lasergerät. Dieser Aufwand lohnt sich, betont WBG-Geschäftsführer Veit. Denn mit dem Neckartower schaffe man einen Anziehungspunkt für Schwenningen – eine Landmarke, die weithin sichtbar ist. Und von dem einen herrlichen Panorama auf Besucher und Bewohner wartet. Schon jetzt – mit halber Höhe – schweift der Blick weit über die Stadt, über das Gartenschaugelände und bis weit hinauf auf den Rand der Schwäbischen Alb. Andreas Veit gerät regelrecht ins Schwärmen: „Das ist einzigartig.“ Diese Aussicht ist sogar Geld wert: die Apartments in den oberen Etagen werden teurer an die Studenten vermietet. Gaaaanz oben zieht es in den nächsten Stunden bestimmt noch mehr: Das Wetteramt hat Sturmböen vorhergesagt. Dann muss auch der Bau des Neckartowers Pause machen. Zwangsweise. Sicherheit geht vor. Der Bauleiter hofft, dass es nicht zu heftig wird und der Sturm schnell vorüber zieht. Stillstand ist beim Neckartower nicht vorgesehen. Baufirma, Bauherren und Architekt wollen nur eins: nach oben. Noch sechs Stockwerke und noch 14 Wochen – bis 12. Mai.
Feuerschutz
Die Vorschriften für den Feuerschutz in so einem Hochhaus sind streng. Doch die städtische Wohnungsbau-gesellschaft WBG als Bauherr macht den Neckartower noch sicherer, als überhaupt gesetzlich verlangt wird.
Selbst die Kannregelungen der Feuerpolizei werden erfüllt. Pflicht ist in dem 45 Meter hohen Haus ein Feuerwehraufzug neben dem regulären Personenaufzug. Nach Fertigstellung verhindert Überdruck im Treppenhaus, dass im Brandfall die Fluchtwege verraucht werden. Auf jeder Etage gibt es fest installierte Löschwasseranschlüsse, damit die Feuerwehr keine Schlauchleitungen hoch legen muss. Und zwischen jedem Stockwerk verhindert eine Art Betonschürze, dass sich die Flammen die Fassade hochfressen können.